Ein neuartiges Projekt macht im Moment von sich reden: „Steamtown“
Die Idee, einen Fortsetzungsroman im Web zu schreiben, ist nicht neu. Allerdings werden bei „Steamtown“ Gastautoren ins Boot geholt und die Webseite bietet noch viel mehr. Zum Beispiel Umfragen, eine Enzyklopädie und viel Hintergrundmaterial zum Roman. Die drei Autoren: Thomas Orgel, Stephan Orgel und Carsten Steenbergen laden abwechselnd jeweils montags, mittwochs und freitags ein neues Textstück auf die Seite. Schon jetzt, das Projekt ist gerade mal drei Monate alt, verzeichnet „Steamtown“ 100 regelmäßige Leser. Eine beachtliche Zahl. Ich freue mich, die drei Autoren interviewen zu dürfen.
Die Idee, einen Fortsetzungsroman im Web zu schreiben, ist nicht neu. Allerdings werden bei „Steamtown“ Gastautoren ins Boot geholt und die Webseite bietet noch viel mehr. Zum Beispiel Umfragen, eine Enzyklopädie und viel Hintergrundmaterial zum Roman. Die drei Autoren: Thomas Orgel, Stephan Orgel und Carsten Steenbergen laden abwechselnd jeweils montags, mittwochs und freitags ein neues Textstück auf die Seite. Schon jetzt, das Projekt ist gerade mal drei Monate alt, verzeichnet „Steamtown“ 100 regelmäßige Leser. Eine beachtliche Zahl. Ich freue mich, die drei Autoren interviewen zu dürfen.
Bücherwahn (Christiane Gref): Wie seid ihr überhaupt auf die Idee zu „Steamtown“ gekommen?
Carsten: Die Idee entstand eigentlich beim intensiven Darüber-Nachdenken, wie man ein gemeinsames und neuartiges Projekt realisieren könnte, ohne über einen Verlag zu gehen. Tom und ich haben eine Zeitlang bei der Xing-Forengeschichte "Kopfgeld" zusammen geschrieben, einer sehr abgedrehten Story, die wir dort mit ungefähr fünfzehn verschiedenen Leuten entwickelt haben. Dabei entstand schon eine gute und produktive Zusammenarbeit. Anschließend folgte dann der Heyne-Wettbewerb Anfang 2009, dem "Schreiben Sie einen magischen Bestseller", für welchen wir alle drei etwas eingereicht hatten.
Thomas: Grundsätzlich war dabei die Idee im Vordergrund "Lass uns mal was nebenher zusammen machen". Also zusammen mit Carsten, nachdem Stephan und ich ja schon seit längerem gemeinsam schreiben. Gut, es hätte uns klar sein müssen, dass das "nebenher" zwangsweise recht intensiv wird.
Carsten: Auf der Leipziger Buchmesse haben wir uns schließlich persönlich zusammengehockt und unsere Ideen und Möglichkeiten ausgelotet. Heraus kam Steamtown, eine phantastische Story irgendwo im Genre des Steam-Fantasy. Ohne Elfen oder Orks und den restlichen, üblichen Gestalten, dafür mit jeder Menge Technik.
Ihr besitzt ja kein festes Gerüst, nach dem ihr schreibt, sondern entscheidet spontan, was aufs virtuelle Papier kommt. Ist das nicht manchmal schwierig für euch?
Thomas: Es klingt schwieriger, als es ist. Pures, echtes "discovery writing" stellt sich in diesem Fall als unpraktisch dar - wir können Unebenheiten, die bei dieser Art zu schreiben nun mal auftauchen, ja nicht nachträglich korrigieren. Wir können keine ganzen Abschnitte oder Kapitel umschreiben, damit die Geschichte funktioniert, also müssen wir uns sehr wohl ein grobes Gerüst bauen und "Wegpunkte" setzen, um im zeitlichen und erzählerischen Rahmen einer funktionierenden Geschichte zu bleiben. Zum Beispiel hat es sich als sinnvoll herausgestellt, aus jeweils 12 Abschnitten ein Kapitel zu bilden, das dann natürlich schon bestimmten, dramaturgischen Grundsätzen folgt.Was zwischen diesen Wegpunkten passiert - das steht allerdings noch nicht fest. Ebenso wenig, wie das, was passiert, wenn unsere Charaktere diese Wegpunkte erreichen. Das hängt auch stark von den Reaktionen der Leser ab, zum Beispiel von den Ergebnissen von Umfragen. Aber für uns macht es das tatsächlich spannender.
Stephan: Schwierig ist vor allem, dass wir durch diese Vorgehensweise und die festen Wochentage an denen wir veröffentlichen, relativ wenig Vorlaufzeit haben, manchmal nur ein oder zwei Tage. Da muss man sich bei all den lästigen Nebenbeschäftigungen (z.B. Geld verdienen) manchmal schon seinen Freiraum zum Schreiben erkämpfen.
Um was geht es in eurer Geschichte?
Thomas: Grob gesagt - in Orums Lot, einem etwas verrufenen Viertel der Stadt ist ein eigentlich gut situierter Mann auf offener Straße bestialisch ermordet worden. Und das quasi direkt auf den Stufen einer Gildenhalle, was sofort für einen gewissen Presserummel gesorgt hat. Das Ministerium hat deshalb eigens ein Agententeam zusammengestellt, das so schnell wie möglich einen Täter liefern soll. Nicht unbedingt Top-Agenten, wie der Leser schnell bemerkt: Eric Van Valen ist ein völlig unerfahrener, junger Agent, während Pater Grand ein eher abgewrackter Kirchenmann ist, dessen beste Tage im Dienst des Ministeriums bereits ein paar Jahre hinter ihm liegen. Und bei Mr. Ferret betont man am im Wort "Faktotum" am besten die Silbe "tot". Und dennoch tun die drei ihr Bestes, um diesen und weitere Morde aufzuklären. Denn ihr Gegner ist kein gewöhnlicher Mörder.
Carsten: Nein, dass kann man nun wirklich nicht behaupten. Also wenn du mich fragst, ich würde in diesem Fall eigentlich nur ungern selbst ermitteln müssen. *grinst*
Stephan: Ein weiterer Hauptdarsteller neben den drei genannten ist Steamtown selbst. Das Leben in dieser Stadt wird vom „Plasma“ bestimmt, einem seltsamen Stoff, der als Energiequelle inzwischen unverzichtbar geworden ist. Steamtown ist dadurch eine von diesen Großstädten geworden, die sich mit der Zeit zu einem eigenständigen Staat im Staat entwickelt haben und nach eigenen Gesetzen leben.
Wie viel Zeit verbringt ihr im Steamtown-Universum?
Carsten: Es vergeht eigentlich kein Tag, an dem wir uns nicht in Steamtown aufhalten (selbst wenn einer von uns mal “schreibfrei” hat). So ein Universum ist ja schließlich kein kleiner Pappkarton,. Manchmal fühlt man sich schon wie einer der alten Entdecker, der sich zum Ziel gesetzt hat, einen unbekannten Kontinent zu kartographieren. Mit Stift und Papier - und auf Schusters Rappen. Wie viel Zeit wir damit verbringen, kann man eigentlich gar nicht ermessen. Es ist auf jeden Fall eine Menge.
Stephan: Wir schreiben ja nicht nur an der Geschichte selbst, sondern kümmern uns um die Leserkommentare, beheben Fehler an der Website, diskutieren den Fortgang der Story oder geben Interviews…
Habt ihr vor, die Geschichte irgendwann professionell von einem Verlag vermarkten zu lassen?
Stephan: Wenn das richtige Angebot kommt… warum nicht?
Carsten: Da wären wir wohl die letzten, die so etwas anlehnen würden. Grundsätzlich könnte ich mir das sehr gut vorstellen.
Thomas: Das hängt sicherlich auch vom Interesse der Leser ab, würde ich behaupten.
Wisst ihr schon, wie die Geschichte enden wird oder überlasst ihr alles dem Discovery-Writing?
Thomas: Wir wissen, wo die Geschichte enden SOLL und was in Wahrheit hinter allem steckt. Ob unsere Protagonisten tatsächlich (alle) dort ankommen, das wissen wir tatsächlich noch nicht mit Sicherheit.
Carsten: Das wäre jetzt ja auch wirklich ein wenig verfrüht. Immerhin entwickeln unsere Charaktere mit jedem neuen Textschnipsel so eine Art Eigenleben und tun Dinge, mit denen wir im Leben nicht gerechnet haben, als wir mit Steamtown begannen. Es würde mich nicht wundern, wenn uns unsere Prots irgendwann den Vogel zeigen, so wie wir sie immer in haarsträubende Situationen schicken. “Da soll ich runtersteigen? Ohne mich! Dafür kannst du dir einen anderen Deppen suchen.”Aber genau das macht ja den Reiz der Geschichte aus. In vielen Punkten sind wir genauso ahnungslos wie unsere Figuren und stellen uns quasi jeden Tag auf eine neue Situation ein. Genau wie der Leser.
„Steamtown“ hat gewisse Parallelen zu Lovecraft und Jules Verne. Habt ihr euch von diesen Autoren inspirieren lassen?
Stephan: Wer in diesem Bereich schreibt, wird wohl automatisch von diesen Autoren beeinflusst. An den beiden führt schließlich kein Weg vorbei. In Bezug auf Steamtown waren es aber in erster Linie der Schreibstil von Neil Gaiman und die Geschichten über Jack The Ripper (sowohl der Film „From Hell“ als auch das Hörspiel), die mich inspiriert haben.
Thomas: Womit wir dann auch noch Leute wie Sir Arthur Conan Doyle oder E.A. Poe haben, die als Stimmungs-Macher hilfreich sind. Für mich sicherlich aber auch Film-Noir-Klassiker wie "Der dritte Mann" - aber auch Comics (und natürlich Filme) wie Hellboy.
Carsten: Das kann ich nur unterschreiben und auf diverse Filme hinweisen, die mich mit dem Genre in Berührung gebracht haben. Da wären zum Beispiel „Wild, wild West“ oder „Sky Captain and the World of Tomorrow“.
Wie lange, denkt ihr, wird es dauern, bis die Geschichte zu Ende erzählt ist? Habt ihr euch eine Deadline gesetzt?
Carsten: Zumindest eine ungefähre. Da wir jetzt noch nicht wissen, welche Wendungen die Geschichte noch so nehmen wird, müssen und wollen wir den Umfang natürlich nicht auf eine bestimmte Seitenanzahl festzementieren. Aber es sollte schon in der Größenordnung eines handelsüblichen Romans liegen. Grob geschätzt dürfte das gegen Herbst/Winter 2009 erreicht sein.
Thomas: Oder anders formuliert: Wir haben uns eine Deadline gesetzt, wissen aber noch nicht genau, wann wir sie erreichen. ;)
Wie ist die Resonanz eurer Leser?
Stephan: Die zunehmenden Kommentare und E-Mails klingen sehr positiv. Das motiviert uns natürlich. Wir freuen uns aber auch über jede begründete Kritik. Das zeigt uns, dass die Leser sich Gedanken machen und zum Erfolg der Geschichte beitragen wollen.
Ihr lasst auch hin und wieder Gastautoren zu. Welche Kriterien müssen diese erfüllen, um mitschreiben zu dürfen?
Carsten: Die Gastautoren kommen bei uns momentan zu jedem Kapitelende zum Zuge. Das gibt uns die Möglichkeit, die Umfragen, die auch zum gleichen Zeitpunkt angedacht sind, abzuwarten und auszuwerten. Und es verschafft uns die Zeit, den Roman aufgrund des Abstimmungsergebnisses entsprechend neu auszurichten. Als Voraussetzung für einen Gastauftritt sollte eine gewisse Grunderfahrung beim Schreiben und natürlich ein entsprechender Wissensstand über die bisherige Handlung vorhanden sein. Eine gute Portion Kreativität darf natürlich auch nicht fehlen. Ist ja klar.
Thomas: Und es ist natürlich hilfreich, wenn es sich um Autoren handelt, die damit umgehen können, wenn man sagt: "Schreib dies und jenes mal bitte um, das passt so nicht". Diese Kritikfähigkeit müssen wir drei untereinander auch aufbringen, also ist das wohl eine Art Grundvoraussetzung.
Versucht ihr, jede Idee, die euch von euren Lesern offeriert wird, einzubauen?
Thomas: Wir versuchen es, ja. Vielleicht nicht sofort und nicht immer offensichtlich, aber jede Rückmeldung bringt uns natürlich dazu, über das Geschriebene nachzudenken und das eine oder andere in Zukunft noch anders anzufassen. Gelegentlich entscheiden wir uns auch bewusst gegen eine Idee - aber das meist dann, wenn in unseren Köpfen zu diesem Aspekt schon Hintergrundwissen existiert, das die Leser noch nicht haben. Aber da wir nicht wesentlich mehr über Steamtown wissen als die Leser, sind wir natürlich für die meisten Hinweise der "Einheimischen" dankbar.
Stephan: Das beste Beispiel war unsere Leser-Umfrage, ob die Ermittler in die Kanalisation einsteigen, oder lieber in das Krankenhaus gehen sollten: Nachdem die Umfrage zugunsten der Kanalisation ausgefallen war, aber etliche Leser fragten, warum man nicht beides machen solle, überlegten wir uns, was passiert, wenn die Ermittler, statt überhaupt nicht ins Krankenhaus zu gehen, nur sehr viel später als geplant dort eintreffen. Daraus ist letzten Endes dann eine meiner Meinung nach sehr spannende Szene geworden.
Habt ihr noch Zeit für Soloprojekte oder nimmt euch „Steamtown“ ganz und gar in Anspruch?
Thomas: Steamtown ist recht zeitintensiv, aber nicht so sehr, wie man denken könnte. Ja, wir arbeiten also jeder noch auf anderen Baustellen. Das braucht natürlich ein enges Zeit-Management - schließlich müssen wir ja irgendwann auch noch so was wie Geld verdienen - aber irgendwie geht es. Wobei "solo" bei Stephan und mir immer noch bedeutet, dass wir derzeit gemeinsam an zwei anderen Ideen arbeiten, um sie bis zur Exposé-Reife zu bringen.
Carsten: Ja, in der Tat. Steamtown braucht schon eine Menge Zeit, aber darüber hinaus wollen die Soloprojekte natürlich nicht gänzlich vergessen werden. Unsere Webnovel ist eine Art experimentelles Projekt, wenn auch eins, in dem viel Herzblut drinsteckt (und das vom Leser überraschend gut aufgenommen wird). Aber wir arbeiten natürlich alle auch an unseren eigenen Romanen, sind Rezenten für Online-Magazine oder tun andere Dinge.
Bücherwahn bedankt sich ganz herzlich für das Interview und wünscht den drei Autoren weiterhin viel Erfolg und Spaß mit „Steamtown“ Sind Sie neugierig geworden? Dann klicken Sie bitte hier Weitere Informationen zu den Autoren finden Sie unter:
http://www.achronos.de - Thomas und Stephan Orgel
http://www.carsten-steenbergen.de - Carsten Steenbergen




